Couchpotatoes im Lagerfeuer

von Tanja Hiller, Oktober 07

Von? der geplanten Familienfreizeit? erfuhr ich bereits lange vor Mias erstem Tag im Waldkindergarten. ??Und habe ernsthaft überlegt, ob das ein Wink des Schicksals sein und ich sie schön brav in nem Regelkindergarten anmelden soll.
Jugendherberge. ICH. Outdoorwochenende. ICH.

Nun denn, was macht man nicht alles fürs Kind. 2 1/2 Tage Klassenfahrt an die Ostsee. Ich werds schon schaffen.
Der Wetterbericht gab mir den letzten Kick…..angesagt waren 3 Tage Regen, weswegen mein Mann und ich uns für ein Monatsgehalt (gefühlt) zwei? Tage vor Abfahrt bei Globetrotter mit wasserdichter Couture eindeckten.
(Es schien das komplette Wochenende hindurch die Sonne. Wenn es geregnet haben sollte, dann wohl nachts.)

Die Abreise war Stress pur. Tausend Taschen, tausend außerplanmäßige Sachen, Mia (3) und Ben (1) völlig müdigkeitsüberdreht, mein Mann und ich kurz vor der Scheidung. ??Als wir ankamen, hatte ich dank zweier Tabletten keine allzu großen Kopfschmerzen mehr. Ich war begeistert…??Mir fehlte eigentlich nur noch der Anblick des Gruppenklos und der Großraumdusche, aber das konnte ja nicht mehr lange dauern.
Wir also mit den Taschen rein und………

………………..ES GIBT EINEN GOTT. Ein Dreibettzimmer für uns alleine mit Tisch, großem Schrank und direkt nebendran das supergeräumige EINZELBAD MIT TOILETTE. ??Ich habe jede Kachel einzeln umarmt.? Gut, das Bad war nicht für uns alleine, aber am Ende des Ganges war noch ein Mehrpersonenbad und es gilt ja bekanntlich: der frühe Vogel fängt den Bade-Wurm. Dafür steh ich doch gern noch ein halbes Stündchen vor den anderen auf.

Am Abend des Anreisetags wurde in großer Runde gegrillt. Es war ganz wunderbar, dafür sorgte vieles. Es war spannungsgeladen, dafür sorgte zweierlei: ??1) Die Kohlen heizten auf 3 Geräten in Kinderhandhöhe auf einer Terrasse, von der eine verdammt hohe Natursteintreppe hinunterführte. Duracell-Ben pendelte wie erwartet permanent zwischen Stufen und Grills…..auf dem Schoß wollte er bei all dem Trubel keine Minute sitzen und im Hochstuhl brüllte er alles zusammen. Frechheit, ihn da reinzupferchen, wenn die Party in vollem Gange ist…??2) die “älteren” Kinder (also alle außer Ben) tobten auf dem Rest des Grundstücks. Im Halbdunkel, in dem wir ankamen, sah ich nur eine Menge Bäume und Büsche und die Straße. Jetzt, im Stockdunklen, sah ich nichts mehr. Also auch nicht Mia. ?

A.D.R.E.N.A.L.I.N.

Natürlich wollte ich es ihr nicht als Einzige verbieten, mitzutoben, aber ich habe mir alle Horrorszenarien ausgemalt. Was passiert, wenn sie im Dunklen versehentlich hinter einen Busch läuft? Sie verliert doch direkt die Orientierung und verirrt sich sonstwohin. ? – Ich bin noch keine 2 Monate Kindergartenkindmutter, ich muss noch viel lernen.

??Passiert ist natürlich: nix. ??Nur Ben touchierte ein Mal tatsächlich mit dem Zeigefinger das Grillrost, aber das störte ihn weitaus weniger als die Tatsache, dass wir ihn 5 Zentimeter vor seinem? Wurst-Ziel wegzerrten.

Am nächsten Tag waren wir in einer Algenwerkstatt, die Kinder durften dort selber Papier herstellen. Oder (Mia) sich selber weigern, Papier herzustellen. ?Dafür hat mein Mann umso mehr gebastelt. ??Am Nachmittag waren wir am Strand. Nachdem wir LASST-MICH-LOS-ICH-WILL-DA-VORNE-MITGRABEN-Ben nach 15 Minuten endlich in der Matschkleidung hatten, legte er sich 20 Sekunden später der Länge nach in die Ostsee. Der Schlick spülte sich bis ins Windelbündchen. ???Am Sonntag bastelten dann alle Familien ein Gipsbild aus den jeweils gesammelten Strandfundstücken. Mia entschied sich gegen Muscheln und Gräserchen und zog stattdessen eine Handvoll STEINE sowie eine kinderarmlange SCHWANENfeder aus der Tasche. Aber wer sagt auch, dass man Bilder immer aufhängen müsse. Im Liegen sind sie mindestens genauso schön.

Die Jugendherberge feierte an diesem Tag ihren 70. Geburtstag mit einem “Tag der Offenen Tür”. Gäste waren wir und zwei Nachbarskinder. ?Dank der liebevoll gestalteten Kinderbereiche (15 rostige Konserven auf einem Kellerregal in der Garage sowie sieben auf 800 Quadratmetern verteilte Luftballons) wird sich das wohl auch im nächsten Jahr nicht ändern. Zumindest gab es ganz wertfrei für jedes Kind, das am Dosenwerfen teilnahm, eine Medaille und Gummibärchen. Mia war weder mit dem einen noch mit dem anderen zu locken…

Danach spaltete sich die Gruppe in zwei Teile. Wer noch immer über Wechselkleidung verfügte, ging ein weiteres Mal an den Strand, der Rest in die Herberge mit Haribo und Gesellschaftsspielen. Dank Bens neuer Begeisterung für tiefe Pfützen, (mit Gummistiefeln, Lederschuhen oder dem Gesicht) waren wir Teil der zweiten Gruppe. ??Um? 12:30h gabs Mittagessen und danach ging es nach dem Abschlusskreis zurück nach Hause.

Drei wichtige Dinge hat mir das Wochenende gezeigt:

1) Das Essen in Jugendherbergen ist noch genauso vitaminfrei wie vor 20 Jahren.

2) Mia wäre in JEDER Brandung der perfekte Fels. Wenn sie einen Standpunkt hat, dann ist der in Beton gegossen. Da kann man sich auf den Kopf stellen und wieder zurück auf die Beine fallen, Mia ist noch immer da, wo sie eben schon war. ?Ihren Willen so zu verteidigen find ich sensationell, aber…wie gesagt, ich lerne noch.

3) Die entspanntesten Leute haben auch die entspanntesten Kinder. ??Am Samstagnachmittag stand ich neben einem Vater, der lächelnd seiner kleinen Tochter zuschaute, die bis in die Haarspitzen glücklich durch die Pfützen sprang. Mitten rein, wieder raus, rein in die nächste.??….in einer rosafarbenen Cordhose und hellbraunen Wildlederschuhen. .. er hat ja Recht: Was ist denn schlimmer? Die Sachen zu reinigen oder der Kleinen den Spaß zu verderben? ??

Die Mütter und Väter zu beobachten war mir ein guter Spiegel. Nicht nur dort an der Ostsee, sondern jeden Tag, wenn ich Mia in den Wald bringe und wieder abhole. Falls das jemand von euch liest: Danke, ihr tut mir (und damit uns) verdammt gut!

Das Wochenende hat sogar noch ein recht positives Nachspiel. Nach einem ungeahnt entspannten Start im August gab es in der Woche vor der Familienfreizeit jeden Morgen schlimme Kindertränenbäche. Bin allmorgendlich mit einem wollknäuelgroßem Kloß im Hals zurück nach Hause gefahren.
Seit der Freizeit winkt mir Mia morgens hinterher und? kommt mir mittags johlend mit ausgebreiteten Armen entgegengelaufen.
Es ist, wie es ist. Mia muss immer erst lange für sich beobachten und dann, wenn SIE soweit ist, macht sie mit. Dann aber auch mit ganzem Herzen. ?An der Ostsee hat sie sich in vielen Dingen zurückgehalten. Aber auch vieles mitgemacht, was noch vor einem Vierteljahr nicht so gewesen wäre.
Ganz die Mutter, schätze ich.

Ich seh den Wald vor lauter Bäumen…

von Tanja Hiller, Dezember 07

“Ach, meeeine Tochter hab ich schon in unserem Wunschkindergarten angemeldet, da lag sie noch in den Windeln!”

Während ich reaktionsunfähig unsere Kinderturnausrüstung zusammensammelte, fragt mein gut zweijähriges Kind durch die gesamte Umkleide: “Mama, bin ich auch im Wunschkindergarten angemeldet??”

Nein, Kind, aber schön, dass du fragst.
Ich dachte, in Kleinststädten gäbe es ausreichend Plätze für alle, man würde jedem Anmeldling die Tore weit öffnen und mit Kekse und warmen Kakao um das jeweilige Kind buhlen. Plötzlich sich verdunkelnde Kindergartenflure und flüsternd hinter den Wandschränken versteckte Erzieherinnen vermutete ich nur in Großstädten.

Nun waren wir aus der Großstadt gerade? in die Kleinststadt gezogen und auf meiner ToDo-Liste für Frühjahr und Sommer standen: ankommen, Kartons ausräumen, Bilder aufhängen, Kind 2 gebären. Kind 1 im Kindergarten anmelden stand erst auf der Herbstliste.

Es wurde Herbst. Ich nahm Mann, Kinder und Liste und spazierte in den Wunschkindergarten. Abends, desillusioniert auf dem Sofa,? fragte ich meinen Mann: “Und was nun? Meinst du, es sind alle Einrichtungen so ausgebucht???”? Wie immer wusste er Rat: “Frag doch mal bei den anderen nach.”
Kleine Städte heißen: kurze Wege, aber auch: kleine Auswahl. Nach einer bauchgesteuerten Selektion (freier, nicht kirchengebunden, nee, nicht in dem Viertel, bitte keine Großküche) waren wir zwei alleine. Der Waldkindergarten und ich.

So wenig heroisch kam ich zu einer der besten Entscheidungen meines Mutterlebens.

Ich googelte.
Ach, da ist nicht der Kindergarten nahe am Wald, sondern die Kinder IM Wald. Naja, klingt logisch. Heißt ja auch KinderGARTEN.
Aber IMMER draußen?? Ist das denn nicht irgendwann kalt? Und vor allem irgendwann ZU kalt? Und was für Eltern geben ihr Kind in einen WALDkindergarten? Gelten Lederschuhe da bereits als unakzeptabel? Werden Frühstücksbrote mit zu geringem Vollkornanteil gemeinschaftlich in den Dachsbau geopfert?

Verregnete Nachmittage nahm ich schon seit je her als erfreulichen Anlass, die Haustür von innen zu verschließen und mich auf dem Sofa tot zu stellen (früher) oder Knetgummireste aus Teppichen zu kratzen (heute).? Mein – inzwischen – Ehemann? brautschaute einst nicht im Outdoorcamp, sondern in verrauchten Partyräumen.
Sind wir also die richtigen Eltern für ein Waldkindergartenkind? Dürfen wir eine Entscheidung solchen Ausmaßes über dem Kopf unseres ahnungslosen Nachwuchses entscheiden? Gibt es ein Gegenteil von Freiheitsberaubung? Können wir unsere Tochter reinen Gewissens mitten in den Platzregen stellen und sagen: Nun spiel mal schön?
Ende der Erwachsenendenke.

Am Mittag ihres ersten komplett verregneten Kindergartentages lief mir meine strahlende Tochter aus dem Wald entgegen: “Mama, heute war extra viel Wasser in meinem Pinseleimer, ich konnte mir das ganze Gesicht anmalen! Guck mal, ich bin eine Prinzessin!”
Wer dachte, Prinzessinnen gäbe es nur in sauber, rosa und blondgelockt, der irrt. Auch unter verschlammten Regenmützen und verkrusteten Windschutzhosen kann sich eine Königstochter verstecken.
(Wobei die Beschreibung des Schmutzes hier nur zur Steigerung der erzählerischen Dramatik dient. “Wir werden in dem Matsch VERSINKEN, den Mia uns täglich in die Bude bringt”, gehörte ebenfalls zu meinen Vorurteilen. Ja, die Außenhülle ist manchmal sandig. Anfangs habe ich das allnachmittäglich gewaschen, ich Irre,? inzwischen wird es? morgens vor dem Anziehen nur noch? kräftig ausgeklopft. Die Schichten darunter sind, Achtung: Tag für Tag blütenrein! So sauber wie Mias Shirt und Zweithose (die unter der Regenkluft) aus dem Kiga kommen, bleiben sie zuhause keine Stunde.)

Als ich Mia an ihrem ersten Kindergartentag abholte, sie mit kreuz und quer bemaltem Gesicht und? verschlammten Schuhen strahlend vor mir stand und mir stolz einen wolleumwickelten Zweig in die Hand drückte, wusste ich: Genau hier gehört sie her. Genau so muss ein Kind aussehen. Genauso muss Mia aussehen.

Seit knapp 4 Monaten ist Mia nun unser Waldfuchs. Und seitdem sind so viele Entwicklungsknoten geplatzt, dass wir mit dem Staunen kaum hinterherkommen.
Das Spielen im Wald bedeutet, sich wirklich auf das Spiel einlassen zu können. Es gibt keine Reizüberflutung durch Spielzeugberge, durch tausend Farben, Formen, Klänge. Für ein sensibles Kind wie Mia perfekt. Es ist leise, es gibt nur die Geräusche der Natur. Dort steht kein fertiges Puppenhaus, sondern viel Material, um es – eventuell – zu bauen. Ein Stock kann eine Außenwand werden, genauso gut aber auch ein Musikinstrument, ein Löffel. Die Kinder müssen sich darauf verständigen, was er sein soll. Das fördert nicht nur die Phantasie, sondern auch Sprache und soziale Kompetenz.

Mia bekommt Stück für Stück ein Verständnis für die Natur, um das ich sie beneide. Werden wir eines Tages hier in unserer Dorfhütte eingeschneit, wird Mia uns durch den Winter bringen. Im Wald lernte sie, Apfelsuppe zu kochen, kennt sich auf Maisfeldern aus, weiß, dass man nicht nach Lust und Laune in Pilze beißt. Rhabarber und Holunderbeeren wurden geerntet. Auch Kultur und Bildung fallen nicht unter den Holz-Tisch, die Kids waren? im Puppentheater und bekamen Besuch von Hexen und Verkehrspolizisten. Einmal in der Woche wandert die ganze Gruppe zum Schwimmen.

Mia liebt ihren Waldkindergarten und wir mit. Dachten wir noch vor Monaten, dieses Experiment würde sie verändern, wissen wir jetzt, es verändert auch uns. Stellt euch zwei Stunden lang an einem vorweihnachtlichen Samstagmorgen in einen Spielzeugladen und geht danach für zwei Stunden in einen Wald. Dann wisst ihr, was ich meine.



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